Paarbeziehungen. Eine momentane Bestandsaufnahme

Paareziehungen – und was ich heute glaube, darüber zu wissen. Eine momentane Bestandsaufnahme. 

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„Ein Partner macht das Leben nicht leichter. Wenn man Glück hat, versüßt ein Partner die Anforderungen des Lebens, aber er lässt sie nicht weniger werden. Menschen suchen ja gerne nach einem einfachen Weg. Aber wenn sie erkennen, dass es einen guten Grund dafür gibt, warum etwas schwierig ist – dann wird es leichter.“ David Schnarch 
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Nur wenige Paare bleiben vom Anfang ihres Kennenlernens bis zum Ableben eines der beiden zusammen. Oder sagen wir mal so: Immer weniger Paare tun das – obwohl sich das meiner Erfahrung nach ALLE Paare wünschen: Dass sie für immer zusammen bleiben. Vorallem, wenn es (gemeinsame) Kinder gibt. 
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Aber vielleicht ist das gar nicht so gedacht. Vielleicht ist es so gedacht, dass wir so lange in einer Beziehung sein sollen, solange es das Leben für sinnvoll erachtet. Solange das Klima, das wir gemeinsam erschaffen, für unser Gedeihen förderlich ist. Und Menschen sind diesbezüglich zäher als Unkraut. Sie überleben auch die miesesten Bedingungen. Diese Bedingungen sind oft schon seit der Kindheit nicht förderlich und werden dementsprechend als normal empfunden. Ich werde sehr hellhörig, wenn ein Klient von seiner „wahnsinnig schönen Kindheit“ erzählt. Meist kommen wir dem Wahnsinn schnell auf die Spur. 
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Ich meine, das gilt es erstmal zu erkennen. Dass das Klima scheisse ist. Dass du als stechendes Unkraut lebst, obwohl du als Blume gedacht wurdest. Oder als Baum. David Schnarch nennt das „sein Funktionsniveau unterdrücken“. Thomas Meyer nennt es „Selbstniederhaltung“. Die Hinweise, dass du quasi im falschen Film lebst, bekommst du von deinem Körper: Angststörungen, Schlafstörungen, Burnout, Depression. 
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„Denn eine Beziehung mit jemandem, der nicht zu Ihnen passt, verursacht erheblichen Stress, was sich in Gefühlen von Beklemmung, Ohnmacht, Frustration und Isolation äußert, oftmals Alkohol-und Drogenmissbrauch, heimliche Affären, generelle Unaufrichtigkeit sowie verschiedenste körperliche Reaktionsbeschwerden nach sich zieht und Ihnen zu wenig Zeit und Kraft für die Dinge lässt, die Sie und andere erfreuen und weiterbringen.“(Thomas Meyer: Trennt euch).
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Um dann zu erkennen, dass eine Klimaveränderung sehr gedeihlich wäre für einen selbst. Mit diesem Klimawandel kann dann eine/r beginnen. Zum Beispiel nicht mehr Ja sagen, wenn du eigentlich Nein meinst. Dazu musst du ganz mutig mit dir selbst in Kontakt, ja vielleicht sogar ins Gericht gehen. Dich fragen, ob du deinen Partner liebst, oder ihn erträgst oder schönredest. Du musst radikal ehrlich zu dir selbst sein. Und dich mitteilen. 
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Wenn das alles nicht passiert, wenn du weiter als Unkraut lebst, dann wird deine Beziehung zu einem Geschwür, einem Geschwulst, zu etwas Toxischem. Sie wird kaputt wenn du nicht das ehrliche Gespräch mit dir und schließlich deinem Partner suchst. Sie wird kaputt, wenn du das, was du jetzt Beziehung nennst, nicht riskierst und deine Wahrheit sprichst. Erstmal vor dir selbst. Vielleicht auch mit professioneller Hilfe. Dann vor dem Partner. Und wenn das getan ist, dann erst können wir von Achtung und Liebe sprechen: Selbstachtung und Selbstliebe.
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Wird aus diesem Gespräch ein Dialog kann es ein gemeinsames Weitergehen geben. Ein Neulernen. Ein Zumuten. Ein Übersichhinauswachsen. Ein Neugestalten. Eine fruchtbare Auseinander- und Zusammensetzung. 
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Wird aus diesem deinen Gedanken, aus deiner Selbstinventur ein Dialog, kann dieser auch im Ende der Beziehung münden. Nur dann ist es ein Ende mit Achtung und Liebe. Wenn dir dein Partner zB mitteilt, dass er noch Erfahrungen mit anderen Frauen machen will, eine offene Beziehung vorschlägt, und du weißt, du willst das nicht. Dann darf es vorbei sein. Wenn eine Frau unverhandelbar noch ein Kind haben will, es für ihren Mann ein unterhandelbares No-Go ist. Dann darf es vorbei sein. Und jede/r kann und muss sich diesem unfassbaren Schmerz stellen, einem doch geliebten Menschen einen Wunsch zu versagen, Nein zu sagen und somit Ja zu sich zu sagen, zu sich zu stehen. 
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Und wenn der andere nicht mitspricht, nicht mit sich selbst, nicht mit dir, Unkraut bleiben will (und vielleicht sogar behauptet, er sei ohnehin schon längst kein Unkraut mehr), dann ist die Beziehung vorbei. Und dann ist es eben nicht egal, mit wem du verheiratet bist. Dann bleibt Unkraut eben Unkraut (oder was auch immer) oder wandelt sich in einem anderen Klima, mit jemand anderem. Hoffentlich. 
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Einfach zum Nachdenken:
„Es geht nicht darum, wie Sie für jemanden empfinden. Es zählt einzig, wie Sie mit ihm empfinden; wie es Ihnen in seiner Nähe geht.“
 
Was machst du dir vor? 
Was erträgst du?
Was redest du dir schön?
Worüber siehst du hinweg? 
Wo machst du faule Kompromisse?
Wozu sagst du ja, obwohl du nein meinst?
Was tust du in deiner Beziehung, obwohl du lieber etwas anderes tun wolltest?
 
Wie fühlen Sie sich in der Gegenwart Ihres Partners? Fühlen Sie sich verstanden und respektiert? Fühlen Sie sich geborgen? Lachen Sie miteinander? Gehen Sie pfleglich miteinander um? Sind Sie ganz Sie selbst? Fühlen Sie sich wohl? Oder fühlen Sie sich unverstanden und abgelehnt? Verspüren Sie Beklemmung? Und fällt diese von Ihnen ab, sobald Ihr Partner das Haus verlassen hat? Ist der Umgangston lieblos, ja rüde? Lassen Sie Ihrem Partner Dinge durchgehen, die Sie sich von einem Freund nie gefallen lassen würden? Sind Sie nicht mehr Sie selbst? Fühlen Sie sich unwohl? (Fragen aus Thomas Meyer, Trennt euch)

 


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